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    Zum Thema Dieselmotor morgen in der FAZ





    F.A.Z. UNTERNEHMEN - FREITAG, 02. SEPTEMBER 2016


    Der schleichende Tod des Dieselmotors





    Die Blaue Plakette liegt auf Eis. Und doch werden Fahrverbote für Dieselautos wahrscheinlicher. Der Selbstzünder werde politisch beerdigt, sagen Fachleute. Von Henning Peitsmeier
    MÜNCHEN, 1. September. Dieselfahrer sind erst einmal erleichtert. Die Pläne für eine Blaue Plakette seien „auf Eis gelegt“ worden, ließ die Bundesregierung vor einigen Wochen verlauten. Mit der Idee einer farblichen Kennzeichnung für Autos mit besonders geringem Stickoxidausstoß hatte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) im April Autofahrer aufgeschreckt, die ältere Dieselfahrzeuge besitzen.



    Nur jene Fahrzeuge sollten den blauen Aufkleber erhalten, die maximal 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer ausstoßen. Es wären also sogar Dieselautos der Euro-5-Norm betroffen gewesen. Diese sind oftmals noch keine zwei Jahre alt. In Deutschland sind mehr als 13 Millionen Fahrzeuge zugelassen, die nicht über die neueste Reinigungstechnik (Euro 6) verfügen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) kämpfte gegen diese Form der Regulierung – und setzte sich durch.
    Dobrindts Parteikollegen in Bayern sind darüberfroh. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) warnt gegenüber dieser Zeitung




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    vor Aktionismus – aus drei Gründen: Erstens träfen die Fahrverbote gerade die Besitzer älterer Autos, die nicht kurzerhand auf ein neues Fahrzeug umsteigen könnten. Zweitens wären Handwerker mit ihren Lieferwagen betroffen. Und drittens schadeten Fahrverbote der Autoindustrie, die einen erheblichen Beitrag zum Wirtschaftswachstum in Deutschland leisten müsse. „Dabei geht es nicht um Lobbyismus, sondern um den Erhalt von Arbeitsplätzen,“ sagte Aigner.
    Die Landeshauptstadt München gehört wie Stuttgart zu den 80 Großstädten, an deren Hauptverkehrsstraßen die Stickoxid-Werte weitüber den Grenzwerten der Europäischen Union liegen. Die Luftreinhaltungswerte waren von der EU-Kommission schon 2010 eingeführt worden, weil mit Stickoxiden eines der größten Schadstoffprobleme in den Städten verbunden ist. Seither hat die EU mehrere Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Die StadtMünchen klagte jetzt gegen einen Spruch des Verwaltungsgerichts. Das Verfahren läuft. Immerwieder sprechen selbst Umweltpolitiker von Übergangsfristen und Ausnahmeregelungen,



    um Härtefälle zu vermeiden, wie sie CSU-Ministerin Aigner anführt.
    In der Branche wird dennoch damit gerechnet, dass dem Dieselantrieb politisch ein Ende gesetzt wird. „In den großen Metropolen wird der Selbstzünder zurückgedrängt werden“, sagt Elmar Kades, Direktor der Beratungsgesellschaft Alix Partners. „Städte wie Oslo oder Amsterdam treiben schon heute die Elektromobilität voran, und je mehr Bürger die leisen und sauberen Stromautos schätzen, um so größer wird die Ablehnung für laut aufheulende Motorräder, rußende Verkehrsbusse und Transporter in der City.“
    Hinzu komme laut Kades, dass bei den Autoherstellern die Investitionen für die Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors mit den Investitionen in die Elektromobilitätkonkurrierten. Als erstes wird nach Einschätzungvon Kades der Dieselmotor auf der Strecke bleiben,nicht zuletzt wegen des Abgasskandals von Volkswagen. Sein Anteil werde in Europa von heute 55 Prozent bis zum Jahr 2030 auf nur noch 9 Prozent fallen, sagen die Alix-Partners-Experten in einer Studie mit dem




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    vielsagenden Titel „Automobilindustrie am Wendepunkt“ voraus.
    Zwar könnten Autos mit Dieselmotoren auch künftig die Abgasnormen erfüllen, erst recht seien sie vorteilhaft bei der Erreichung der Klimaziele, weil sie weniger Kohlendioxid emittierten. Doch die hohen Kosten für die neue Abgasreinigungstechnik machten sie künftig deutlich teurer. Vor allem in Kleinwagen sei der Diesel unwirtschaftlich. Weil gleichzeitig elektrisch betriebene Autos aufgrund der staatlichen Kaufprämien beim Preis – und mit den neuen Batterietechnologien auch in der Reichweite und Leistung – immer weiter aufholten, würden sie für immer mehr Käufer interessant.
    In den kommenden 15 Jahren dürfte der Anteil an batteriebetriebenen Elektrofahrzeugen, Plug-In-Hybriden und Mild-Hybriden mit 48-Volt-Technologie deutlich zulegen: Im Jahr 2025 werden diese Fahrzeuge bis zu 40 Prozent derNeuwagenverkäufe ausmachen, im Jahr 2030 bereits mehr als 65 Prozent. Immer attraktiver werden Kades zufolge die Plug-In-Hybride, deren Antriebsbatterien sowohl an der Steckdose



    als auch über einen Verbrennungsmotor geladen werden: „Viele Hersteller bieten jetzt schon ihre sportlichen Geländewagen mit Plug-In-Technik an. Mit ihnen können die Käufer in den Innenstädten dann emissionsfrei fahren und mögliche Fahrverbote umgehen.“
    Wann die ersten Städte Dieselautos aus ihren Zentren verbannen, will Kades nicht prognostizieren. In der Kritik steht der Selbstzünder hierzulande nicht erst, seit Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, vor gut zwei Jahren ankündigte, alle Dieselautos binnen sechs Jahren an der Einfahrt in das Stadtzentrum zu hindern. In der Zwischenzeit dürfen in der Seine-Metropole an besonders schadstoffreichen Tagen bereits nur Fahrzeuge mit geraden oder ungeraden Kennzeichen-Nummern fahren. Das Beispiel könnte Schule machen.
    Trotz der auf Eis gelegten Pläne geht die Diskussion weiter. Wegen der zunehmendenLuftverschmutzung fordert der Deutsche Städtetagdie Politik zum Handeln auf. „Wir sind mittlerweilein einer Situation, in der Fahrverbote eigentlichnicht mehr zu verhindern




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    sind, wenn die Grenzwerte eingehalten werden sollen“, sagte kürzlich Helmut Dedy, der Hauptgeschäftsführer des Kommunalverbandes. „Aber dann legen wir die Städte lahm, und das wollen wir nicht.“
    Im Herbst kommt das Thema abermals auf die Tagesordnung der Verkehrs- und Umweltpolitiker. Bis dahin muss eine Arbeitsgruppe der Verkehrsministerkonferenz Alternativvorschläge zur Blauen Plakette erarbeiten. Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth betonte vorab, dass es um die Gesundheit der Menschen in den Innenstädten gehe: „Mindestens 400 000 Menschen in Deutschland sind direkt betroffen, weil sie an viel befahrenen Straßen wohnen.“





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